free bootstrap builder

«[...] weil sie einander zeitgenössisch sind»

Krisenzonen der Medienökologie bei Constanze Ruhm und Forensic Architecture

Promotionsprojekt von Lisa Stuckey  >> zur akbild Homepage


Am Beginn der künstlerischen Forschung von Constanze Ruhm steht eine psychoanalytisch-poststrukturalistische Theorie oder ein Film der Kinomoderne. Dieser wird auf Blickachsen, Architekturen und Archivierungsprozesse hin untersucht und es entsteht ein filmisches Setting zwischen Kino, Neuen Medien und Ausstellungsraum.

Am Beginn jeder von der Forschungsagentur Forensic Architecture (von Eyal Weizman an der Goldsmiths University gegründet) durchgeführten Investigation steht die Widersprüchlichkeit aller Berichte eines Ereignisses in einem ökologischen Konflikt- oder politischen Krisengebiet. Als Resultat von Recherche und forensischer Rekonstruktion in einem virtuellen Architekturmodell erfolgt die auf eine öffentliche Wahrheit gerichtete Präsentation in einem juristischen oder kunstbezogenen Forum.

Constanze Ruhm und Forensic Architecture teilen einen gegen-hegemonialen Blick, die Arbeit mit gefundenem Material und dessen Remediatisierung, das Ausstellen ihrer auf Forschung basierenden Fallstudien in unterschiedlichen medialen Milieus sowie eine ausgeprägte Selbstdiskursivierung. Sie spiegeln die Tendenz in der Ausstellungspraxis, der gegenwärtigen Ausweitung des Ökologischen auf die visuelle Sphäre und deren medialen Materialisierung mit einer übergeordneten Ebene der kritischen Verknüpfung von akademischen, juristischen, kinematografischen und kunstbezogenen Diskursen und Foren zu begegnen. Diese Ebene dient als Tribunal von ‹Krisenzonen›.

Obgleich es eine Rezeptionsverschiebung zu verzeichnen gibt: von einer vorrangig psychoanalytischen zu einer Material-fokussierten und forensischen Medienanalyse. Unter der Prämisse der Medienökologie – als symptomatische Diagnose der Gegenwart – wird eine komparatistische Studie des Begriffs- und Verfahrenshorizonts von Constanze Ruhm und Forensic Architecture durchgeführt:

Die Ausstellung Constanze Ruhm. Re: Rehearsals (No Such Thing as Repetition) (2015/16) steht exemplarisch für die Funktionsweisen des poststrukturalistisch geprägten Kunstfelds mit seiner Wahrheitskritik und der Betonung des Faktisch-Fiktiven und Ambigen. Die Computersimulation Apartment (1999) und die in Entstehung begriffene Arbeit AN(N)AGRAM von Constanze Ruhm (in Kollaboration mit Emilien Awada) stehen in einer psychoanalytisch-dekonstruktivistischen Rezeptionstradition: Sie reflektieren das Kinos als ideologisches Repräsentationssystem in der Form des Essays, der sich als hypothetische Geste mitdenkt. Die Einführung einer ‹public truth› ins Museum durch Forensic Architecture geschieht exemplarisch durch die Investigationen The Architecture of Memory (2010/2013) und 77sqm_9:26min (2017). Ihre Ausstellung Forensic Architecture. Towards an Investigative Aesthetics (2017) wirft die Frage auf, inwiefern die Agentur den Oszillationsraum der Kunst einlösen kann und wie sie die Kunstinstitution – nachdem diese die selbstreflexive Phase, bekannt als ‹Institutionskritik›, durchlaufen hat – transformiert.

Constanze Ruhm und Forensic Architecture sind einander zeitgenössisch. Es geht dabei nicht nur um eine kunstwissenschaftliche Deutung singulärer Positionen, sondern um die Erforschung sich transformierender Medienwelten in der Kunst.


> Das Versatzstück «[...] weil sie einander zeitgenössisch sind» ist Gilbert Simondon (2012, S. 167) in Die Existenzweise technischer Objekte entlehnt, dessen Thesen von großer Relevanz für dieses Forschungsprojekt sind.